Ankunft und Ansiedlung


Das Manifest wirkte sich aber auch in Südwestdeutschland, hauptsächlich in Württemberg, aus. Darum unterscheiden wir zwei große Auswanderergruppen, die auf drei Wanderstraßen nach Bessarabien kamen. Die erste, die der «Warschauer Kolonisten«, führte von Warschau über Radziwill nach Tiraspol und in das Siedlungsgebiet. Der zweite Landweg ging von Württemberg über Lemberg, Radziwill und Tiraspol nach Bessarabien. Der dritte, der Wasserweg, führte auf kleinen Booten, den "Ulmer Schachteln" von Ulm donauabwärts bis Ismail, wo ein Durchgangslager eingerichtet war. Wir sehen, daß verschiedene Wege in das "verheißene Land« führten; außer den skizzierten Wanderstraßen gab es noch Abzweigungen und Sonderwege. Die Reise auf den unbeschreiblich schlechten Straßen von Polen mit Pferdewagen, Handkarren und zu Fuß glich dem Rückzug eines geschlagenen, verhungernden Heeres. Nachdem die auf den Grundstücken lastenden Schulden bezahlt sein mußten, blieb nur noch wenigen Auswanderern Geld in den Taschen. Es reichte oft nur, um den Hunger zu stillen. Der Landweg von Württemberg aber bis Bessarabien dauerte bis zu einem Jahr. Ohne eine ansehnliche Barschaft hätte er überhaupt nicht gemacht werden können. Der direkte Wasserweg auf der Donau aber wurde schon in Wien und Budapest zu einer Katastrophe und endete mit Seuchen und Epidemien im Auffanglager in Ismail, denen ein großer Prozentsatz der Verzweifelten erlag.

Unter vielen Mühsalen und Beschwerden, Leiden und Entbehrungen gelangten unsere Auswanderer im Spätherbst 1815 in Bessarabien an. Eine ungeheure Fläche bot sich ihren Blicken, ohne Grenzen nach allen Seiten; kein Haus, kein Turm, kein Baum bot dem Auge einen Anhaltspunkt; nur einzelne, künstliche, kegelförmige Hügel verloren sich da und dort in der weiten Steppe. Aber welche Enttäuschung! Es waren nur für 100 Familien etwa 50 Häuschen fertig gestellt; die anderen Siedlerfamilien wurden daher in verschiedenen moldauischen Dörfern untergebracht. Das Zusammenwohnen mit den Eingeborenen hat gewiß mancherlei Unzuträglichkeiten gebracht; zudem kehrte in manches Haus Krankheit und Tod ein. Dem Ziele so nahe, und nun noch das monatelange Warten, bis man seine eigene Scholle bekam und darauf seine Hütte bauen konnte. Eine Geduldsprobe!

Mit dem Eintritt des Frühjahres 1816 beginnt der Häuserbau, zu dem die Krone das Holz liefert. Der Plan ist für alle gleich: 4 Eckpfosten in die Erde gelassen, ein Flechtwerk dazwischen, mit Lehm bekleidet, Rundbalken darüber und Sparren aus Rundholz daraufgesetzt, endlich das Dach aus Rohr, Stroh oder Gras – und der Rohbau ist fertig. Fenster und Türen kommen verspätet an, alle Öffnungen müssen daher verhängt werden. Die Familie zieht ein und ist nun „unter Dach und Fach.“ Die Straßenzäune fehlen noch; auf den Höfen, Straßen und Plätzen wogt noch hohes Steppengras; weder ein Obst-, noch ein Blumengarten ist zu sehen. Das ist das Bild der jungen Kolonie.

Noch lange, nachdem sie schon ihre Dörfer in den in die Steppe eingeschnittenen Täler gebaut hatten, fürchteten die deutschen Bauern sich in diesen ungeheuren Weiten zu verlieren und stellten, auf ihren Feldern angekommen, die Wagen sofort mit der Deichsel nach dem Dorf herum, von dem sie gekommen, um die Heimrichtung nicht zu verlieren.


Ansiedlung


In der Literatur kann man häufig die Aussage antreffen, dass die Kolonisation im Schwarzmeergebiet gut vorbereitet und planmäßig verlaufen sei. Das vorgefundene Aktenmaterial zeigt ein anderes Bild: Weder die Regierung in St. Petersburg noch die Verwaltung in Odessa war auf die Kolonisation gut vorbereitet. Mit viel Energie und Improvisation gelang es Herzog Richelieu und Samuel Kontenius, Land für die Anlage der Kolonien zur Verfügung zu stellen und die Einwanderer aufzunehmen und zu unterstützen. Im Zuge der Beschaffung von Land gewann die Regierung auch Klarheit, wie viel Land diese Region eigentlich hatte, wem es gehörte und wie es genutzt wurde. Für die Kolonisten sollten der ständige Bevölkerungszuwachs, erst durch Zuwanderung, dann durch natürlichen Zuwachs, und der Bedarf an immer neuem Land kennzeichnend werden.

Die Kolonisten erhielten im südlichen Landesteil, dem Budschak, ihre Siedlungsorte auf den weiten baumlosen Steppenflächen zugewiesen. Dort entstanden 24 deutsche (Mutter-) Kolonien. 20 Orte hatten Bewohner evangelischen Glaubens, vier Orte katholische Bewohner.

Dorfname und Dorfform waren behördlich vorgegeben. Die Siedlungen waren als Straßendorf mit einer langen Straße angelegt, an der alle Höfe lagen. Die Ortsnamen erinnerten meist an die Orte von siegreichen Schlachten gegen Napoleon, z.B. Tarutino, Borodino, Beresina, Arzis, Brienne, Paris, Leipzig, Teplitz, Katzbach.

Die Ansiedlung der Bessarabiendeutschen in den Jahren von 1814 bis 1842 konnte auf viele Erfahrungen zurückschauen, die seit dem Anfang der deutschen Kolonisation unter Katharina gemacht worden waren. Das zeigte sich in der sorgfältigen Auswahl der Siedler und in der Vorbereitung der Ansiedlung. Man legte Gewicht auf erfahrene Landwirte, auf gute Handwerker und in beiden Fällen auf ein Barvermögen. Das war "staatliches Erfordernis". Süd-Bessarabien wurde als eigentliches Siedlungsgebiet ausgewählt und in drei Siedlungsgebiete aufgeteilt. Die dafür bestimmten Landstriche wurden in Grundstücke, mit Nummern versehen, aufgeteilt. Das Siedlungsgebiet für die Deutschen war im allgemeinen das mittlere Stromgebiet der Steppenflüsse Kogälnik, Tschaga, Tschiligider und Sarata. Es hatte 16 Landstücke mit einem Flächeninhalt von 131479 Deßjatinen und 1343 Quadratfaden (eine Deßjatine = 1,0925 Hektar), rund 147705 Hektar. Bis 1914 kauften die Deutschen noch 182295 Hektar hinzu und bearbeiteten aufgrund langjähriger Pachtverträge weitere 24 117 Hektar.

Zur Zeit der Ansiedlung war die Steppe von allerhand nützlichem und schädlichem Getier belebt. In Menge fanden sich Schlangen, Eidechsen, Zieselmäuse, Fledermäuse, Hamster, Kraniche, Trappen, Rebhühner, Wachteln u.a.. Im hohen Grase stieß man nach 10 Schritt auf ein Vogelnest. Die Vogeleier bildeten bei der Armut der Leute ein billiges Nahrungsmittel. „Macht euch die Erde untertan!“ Vom Acker sollten sich die Kolonisten nähren; aber der Acker will bebaut werden. Hier muß wieder die Krone helfen und unterstützend beispringen. Sie liefert Saatgut und Ackergeräte und verteilt auf je 2 Wirte ein Paar Ochsen und wo nötig einen Wagen. Es ist eine schwere Arbeit den Urboden, der noch keinen Pflug gesehen hat, aufzureißen. Aber man bringt doch etwas in die Erde und kann mit der Hoffnung leben, im nächsten Jahr sein eigenes Brot zu haben. Bis dahin muß man auf die Hilfe der Regierung hoffen und damit zufrieden sein, wie und wann sie des Leibes Notdurft stillt. Häufig kommt das Mehl mit Verspätung an, dazu vom Regen durchnäßt und zu so harten Klumpen zusammengeballt, daß man es mit dem Beil zerkleinern muß, um Brot daraus backen zu können. Was wir heute gewissen Haustieren zum Futter reichen, war damals ein vielbegehrter Bissen. Das erste Osterbrot (1816) war aus Roggenkleie gebacken.

Eine aus so verschiedenen Elementen zusammengesetzte Gemeinde zu leiten, Ordnung und Einigkeit zu schaffen und die Masse für die von der Regierung ihr gestellten Aufgaben zu erziehen, das war gewiß keine leichte Arbeit. Zwar waren alle eines Stammes und Blutes, mit ganz geringen Ausnahmen auch eines Glaubens, aber aus verschiedenen Ländern stammend, unterschieden sie sich in vielfacher Beziehung: in Mundart, Lebensgewohnheit, Sitten und Gebräuchen und anderen Dingen. Ein großer Teil von ihnen war fast ohne Unterricht aufgewachsen, andere an keine Ordnung gewöhnt, wieder andere arbeitsscheu und dem Trunke ergeben. Nur durch unablässige Belehrung, Mahnung, Zucht und Strafe konnten sie nach und nach gehoben und zur Erfüllung jener Kulturaufgaben erzogen werden“.

Die Höfe der Bauern waren, wie in allen deutschen Dörfern Bessarabien, von der Straße durch eine Straßenmauer aus Steinen getrennt. Sie war verputzt und weiß getüncht und gab somit dem Hof einen schönen Anblick. In den meisten Fällen waren die Kolonistenhäuser Einheitshäuser die alle den gleichen Grundriss hatten. Wohnhaus Stallung und der Schopf (Schuppen) befand sich unter einem Dach. Beim Eingang traf man auf den Hausflur (Vorderküche), von hier gelangte man in die Küche. Zu beiden Seiten kamen dann die Wohnzimmer, die Vorderstube ("Staatsstube") und Hinterkammer (Schlafstube). Der ganze Hof bestand aus dem Vorderhof mit Wohngebäuden, Blumengärtchen, Sommerküche und Brunnen; danach folgte der Hinterhof mit Drechplatz, Strohhaufen und den Schweinestall. Im Sommer spielte sich das Leben in der Sommerküche ab.

Das erste Getreide wurde mit der Sichel geschnitten, mit dem Dreschflegel gedroschen und mit der Worfschaufel bei Wind geworfelt. Die Alten legten sich bei Nacht um den Haufen. Kam der erste Wind auf, so wurden alle zum Worfeln geweckt. Das Getreide musste nachher meistens noch mit einem kleinen Sieb nachgereinigt werden. In den ersten Jahren wurde nur das Baustückland bearbeitet. Alles übrige Land war Heuschlag oder Weide, auf der größere Viehherden weideten. Die Sichel wurde bald durch die Sense, die Sense durch Haspel- und Rechenmaschine ersetzt. Der Holzpflug wurde durch ein-, zwei- und dreischarige Pflüge verdrängt. Das Handsäen unterblieb und wurde durch Sämaschinen bzw. Drillmaschinen, die man sich gegenseitig auslieh, ausgefürt. An die Stelle des Dreschflegels trat der Dreschstein, der von zwei Pferden gezogen wurde.

Ackerbau war nicht die einzige Einnahmequelle der Kolonisten.

Sie bauten Obst, Wein und Gemüse an, hielten Bienen und züchteten Seidenraupen. Eine wichtige Rolle spielte die Viehhaltung. Aus Europa eingeführte Merinoschafe bildeten die Grundlage für eine erfolgreiche Schafzucht, die den Bedarf des russischen Marktes zu befriedigen hatte.

Zur wichtigsten Einnahmequelle in der Landwirtschaft wurde jedoch der Getreideanbau. Begünstigt durch die Nähe zu Odessa, das zwischen 1817 und 1859 die zollfreie Ausfuhr von Waren ermöglichte (Porto-franko), entwickelte sich der Getreideanbau rasch und machte 1822 bereits 96 % des russischen Getreideexports aus. Bis zum Jahre 1868 war der Weizenanbau für die Kolonisten dominierend geworden: Sie erzielten daraus 89 % ihrer Einnahmen. Das wiederum steigerte die Nachfrage nach immer mehr Land und führte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zur Gründung zahlreicher Tochterkolonien und Bauernhöfe, russisch Chutor genannt.

Nach der Bauernbefreiung von 1861 verkauften oder verpachteten viele Grundbesitzer ihr Land oder Teile davon. Kolonisten konnten mit Geld, das Gemeinden durch die Verpachtung ihres Schäfereilandes erzielten, ihren Grundbesitz bedeutend erweitern. So bewirtschafteten im Jahre 1890 die auf 104.570 Personen angewachsenen deutschen Kolonisten des Gouvernements Cherson neben den 185.963 Desjatinen zugeteilten Landes 420.073 Desjatinen gekauften und 606.036 Desjatinen gepachteten Landes, d. h. sie hatten die Fläche des bewirtschafteten Landes um das Fünfeinhalbfache vergrößert.

Über den Entwicklungsstand des Handwerks in Odessa zu Beginn des 19. Jahrhunderts gibt eine Anekdote Auskunft: Richelieu konnte nach seiner Ankunft binnen zweier Wochen nicht einmal ein paar einfache Stühle für sich auftreiben. Einen Tischler, einen Bäcker und einen Schlosser musste er sich vom Handelsminister aus St. Petersburg schicken lassen.

Gegen diesen Zustand ging er energisch vor. Von den 1803 in Odessa angekommenen Kolonisten wurden sogleich 42 Handwerkerfamilien in der Stadt belassen. Sie bildeten eine Handwerkerkolonie. Andere Handwerker wurden in den Städten Ovidiopol und Grigoriopol angesiedelt.

Bis 1819 entstanden in Odessa bereits neun deutsche Handwerkerinnungen: Zimmerleute, Wagenbauer, Schlosser, Schuster, Schneider, Buchbinder, Werkzeugmacher, Uhrmacher und Konditoren. Bis 1835 war die Innung der Zimmerleute auf 52 Meister und 91 Gesellen angewachsen. Bis zu 200 junge Leute, darunter auch Russen, gingen bei ihnen in die Lehre. Damit wurden Kenntnisse und Fertigkeiten in einem der wichtigsten Bauberufe weiter gegeben. Für eine im Aufbau befindliche Stadt war das von unschätzbarem Wert.

Die Landwirtschaft konnte expandieren, weil das dafür benötigte landwirtschaftliche Gerät von Handwerkern in Odessa, aber auch in den Kolonien selbst gefertigt wurde. Am bekanntesten ist Johann Höhn und dessen Fabrik, in welcher der so genannte Kolonistenpflug entwickelt wurde. Die Produktion konnte die Nachfrage kaum decken, obwohl zu Beginn des 20. Jahrhunderts bereits 36.00 Pflüge jährlich und 1912 ca. 80.000 Pflüge ausgeliefert wurden. Pflüge der Firma Höhn wurden auch in andere Gouvernements Russlands bis nach Sibirien geliefert.

Ein anderes namhaftes Unternehmen war die Firma “Bellino-Fenderich”. 1873 aus einer Reparaturwerkstatt hervorgegangen, spezialisierte sie sich in den 1880er Jahren auf den Bau von Dampfschiffen für die Beförderung von Personen und Gütern, von Dampfkesseln und Waggons für die Straßenbahn, rüstete Dampfmühlen, Brauereien, Ölmühlen und andere Betriebe aus.

Die Kirche und Schule gehörten eng zusammen. Sie spielten für das Leben und Überleben der deutschen Kolonisten in Bessarabien eine entscheidende Rolle. Gottesdienste wurden immer gehalten am Anfang im Freien oder in den Wohnhäusern. Als Erstes errichtetet man ein Bethaus in dem auch die Schule untergebracht war. Mit den Schulen in den Kolonien stand es anfänglich nicht zum Besten. Unterricht wurde am Anfang in Erdhütten abgehalten und späer in Wohnhäusern, bis man ein eigenes Schulgebäude gebaut hatte. Die Kinder wurden wenig zur Schule geschickt, und lernten nicht einmal lesen. Kolonisten die kaum lesen und ihren Namen schreiben konnten, wurden als Lehrer angestellt. Später drang die Obrigkeit darauf, dass jedes Kind vom 7. Jahre an bis zu seiner Konfirmation die Schule besuchen musste, auch wurde der Lehrerberuf eingeführt.

Auf dem bei der Ansiedlung zugewiesenen Land, dem "Kronsland" (der Krone gehörend), wurden 25 Muttergemeinden angelegt (einschließlich die Kolonie Schabo). jede Familie erhielt "eine Wirtschaft Land" ( 60 Deßjatinen) und das aller-notwendigste Material zum Bau eines "Kronshäuschens" nebst Inventar in bescheidenem Ausmaße. In den meisten Fällen war der Anfang eine Erdhütte und das "Kronshäuschen" der Übergang zu dem Kolonistenhause späterer Jahre. Die Schicksale der einzelnen Muttergemeinden wolle man aus den Gemeindeberichten ersehen. Im Siedlungsgebiet der deutschen Einwanderer entstanden von 1814 bis 1842 folgende Gemeinden:

GründungsjahrGemeindeAnzahl der FamilienLandmenge
1814Tarutino1368182
1814Borodino1197148
1814/15Krasna1126910
1815Klöstiz1337997
1815Kulm1086460
1815Leipzig1227346
1815Malojaroslawetz 11388250
1816Arzis1247447
1816Brienne824914
1816Beresina1408449
1816Paris1197141
1816Fere-Champenoise 11267560
1817Teplitz1006000
1821Katzbach653880
1822Sarata1016060
1823Malojaroslawetz 2694110
1823Fere-Champenoise 2633780
1825Neu-Arzis422505
1830Gnadental804800
1833Friedenstal885263
1834Dennewitz643860
1834Lichtental804800
1839Plotzk392364
1842Hoffnungstal855130
1822Schabo-Kolonie603600

Da in dem deutschen Siedlungsgebiet das Minorat in der Erbfolge maßgebend war, konnte nur der jüngste Sohn die Wirtschaft übernehmen, die übrigen waren auf die Erlernung eines Handwerkes angewiesen. Später drückte der Staat "ein Auge zu" und so begann bei der starken Vermehrung der deutschen Kolonisten eine rasche Zerstückelung der Wirtschaften. Seit 1860 trat ein förmlicher Landmangel ein - im übrigen Südrußland schon viel früher -‚ so daß sich in jeder der Muttergemeinden Landsuchende zusammentaten und im Süden und Südosten, im Südwesten und Nordosten von 1860 bis unmittelbar vor dem Ersten Weltkrieg sogenannte Tochtergemeinden gründeten. Diesen Weg, Luft zu schaffen, verdanken die Bessarabiendeutschen vor allem dem Dennewitzer Ansiedler Gottfried Schulz, der allein insgesamt 40 000 Deßjatinen Land aufkaufte und zur Gründung von Tochterkolonien abgab. Auch fanden sich noch Landaufkäufer im Maßstabe bis zu 1000 Deßjatinen, die das Werk von G. Schulz förderten. Die Tochtergemeinden unterschieden sich in solche, die auf gekauftem Land gegründet wurden und solche, die bis zum Ankauf Pachtgemeinden waren. Bis Ende des 19. Jahrhunderts entstanden durch diese selbständige Siedlungstätigkeit der "Mutter- oder Kronsgemeinden" 40 neue Gemeinden und von 1900 bis 1916 noch 22 Gemeinden durch Privatinitiative. Eine allerneueste Art von Gemeinden waren die sogenannten "Hektargemeinden"; der Name rührt her von der Zuteilung von je 6 Hektar pro Familie nach der Agrarreform vom 13. März 1920. Durch die Agrarreform, bei welcher der Privatbesitz bis auf 100 Hektar enteignet wurde, verloren die Deutschen von der Gesamtfläche des genutzten Bodens von 354177 Hektar (4,4 Hektar auf den Kopf der Bevölkerung) 64 177 Hektar. Zugeteilt wurden an landlose Deutsche 8200 Hektar, so daß sich der Gesamtverlust auf 55 974 Hektar bezifferte (nach Dr. Stumpp). Wir unterscheiden zwei Arten von Hektargemeinden: die auf ehemaligem Pachtland, die schon Häuser und Gemeindeeinrichtungen wie Kirche und Schule hatten und als einzige Veränderung die Zuteilung von je 6 Hektar Eigenland erlebten, und die neugegründeten Hektargemeinden, die keinerlei wirtschaftliche Voraussetzungen mitbrachten. Die ersten 24 Hektargemeinden hatten es leichter, da die Voraussetzungen zu einem geordneten Gemeindeleben, Schul- und Bethaus, Lehrer und Gemeindeverwaltung vorhanden waren, während die neuentstandenen, abgesehen davon, daß sie vielfach mit fremdstämmigen Hektaranwärtern durchsetzt waren, nur mit Hilfe der Allgemeinheit eine Gemeinde bilden konnten. Bis zur Umsiedlung 1940 war dieses Ziel trotz aller Anstrengung der Kirchenbehörde noch nicht erreicht. Im ganzen bestanden bis 1939 13 Hektar-gemeinden dieser Art. - So rundet sich das Bild von der Gründung der ersten Gemeinden (25) bis hin zu den letzten auf die Anzahl von 157 ab, die Gutshöfe und Weiler mit inbegriffen. Dieses Bild sähe wesentlich anders aus, wenn außer der Gründung von Tochtergemeinden nicht noch ein anderes Ventil geöffnet worden wäre, die Auswanderung.


Das Wachstum der deutschen Bevölkerung Bessarabiens zeigt die folgende Tabelle von Dr. Stumpp:


18279355Seelen
185722330Seelen
185824159Seelen
186133501Seelen
189042681Seelen
189759998Seelen
191919000Seelen
193080192Seelen
193887641Seelen

Umgesiedelt wurden im Oktober 1940 93329 Seelen.

Die deutsche Bevölkerung hat sich somit trotz Pest und Cholera verzehnfacht. Dieser große Zuwachs nötigte schon um 1857 zur Auswanderung, die niemals ganz aufgehört hat. Bis 1927, der letzten Auswanderungswelle, sind nicht weniger als 24 000 bis 26 000 Deutsche ausgewandert. Die große Auswanderung setzte 1874 ein, als im Gefolge der Aufhebung des Kolonistenstandes auch die Militärfreiheit aufgehoben wurde. In den Jahren 1902, 1910 und 1925 erreichte sie die höchsten Ziffern. Es wanderten bis 1939 aus nach:

Nordamerika11326Seelen
Südamerika1898Seelen
Rußland (Sibirien)2402Seelen
Kaukasus1446Seelen
Rumänien1342Seelen
Deutschland354Seelen
In verschiedene Länder402Seelen
Zusammen19152Seelen

Das sind rund 10 000 Seelen mehr als in den Jahren 1814 bis 1842 eingewandert waren!


25 Mutterkolonien


Der bessarabiendeutsche Bauer war von langsamer und bedächtiger Art. An allem Althergebrachten hielt er eisern fest, und jeder Neuerung gegenüber verhielt er sich sehr kritisch, ja oft entschieden ablehnend. An Gemütstiefe und Humor fehlte es ihm nicht, seine Lebensweise war praktisch und einfach. Ein zäher Lebenswille, verbunden mit Schaffensdrang und Tüchtigkeit, und vor allem der Glaube, waren die Quellen der Kraft für die bessarabiendeutschen Bauern.

Auf einem geschlossenen Landstück von etwa 150 000 Hektar wurden 125 Mutterkolonien gegründet. Der Kinderreichtum der Siedler war enorm und zwang diese zur Gründung neuer Gemeinden - den Tochterkolonien. So entstanden nach und nach 150 deutsche Gemeinden, deren Landbesitz 1940 über 300000 Hektar betrug. Die Zahl der deutschen Kolonisten hatte sich auf etwa 93500 erhöht.

Neben Bauern kamen viele Handwerker als Ansiedler nach Bessarabien, war doch der Aufbau ohne Handwerker nicht denkbar. So mancher Handwerkszweig wurde über die Grenzen Bessarabien hinaus bekannt, zum Beispiel Sattler, die Wagenbauer und andere.

Aus manchen Handwerksbetrieben gingen später kleine Industriebetriebe hervor, so dass fast alle landwirtschaftlichen Geräte im Lande hergestellt wurden. Der Mühlenbesitz im Süden Bessarabiens, ob nun Getreide- oder Ölmühlen, war zumeist in deutscher Hand, während Handel und Banken oft in jüdischem Besitz waren.