Die Ostbesiedelung begann bereits bevor es Deutsche gab unter Karl dem Großen. Unter seinen Enkeln vollzog sich die weitere Besiedelung und Christianisierung oft unter dem Motto Taufe oder Tod. Nachdem dann die Heidnischen Völker unterworfen waren, zogen immer mehr Bauern Zum Heil der Seele und des Leibes in die neugewonnen Landstriche um diese Urbar und fruchtbar zu machen. Die dritte große Einwanderungswelle schwappte im Zuge des Deutsch Ordensstaates in den Osten. Im 14. Jahrhundert hat dann die Pest den Einwanderungsstrom vorübergehend zum Erliegen gebracht. Durch die Kirchenspaltung im 16. Jahrhundert kam es zu Glaubenskriegen und Gewissensnot deren Folge eine erneute Siedlungsbewegung vorallem protestantischer Siedler Richtung Osten war. Für Kaiserin oder Zarin? Maria Theresia und die russische Zarin Katharina II. leiteten dann im 18. Jahrhundert eine erneute Wanderbewegung gen Osten ein. Dies führte zu Sprachinseln der Deutschen überall in Europa. Bevor dann zur Zeit der Nationalsozialisten ganz im Sinne des Textes eines Marschliedes »... heute gehört uns Deutschland und morgen die ganze Welt ... « eine Um- und Neuansiedlung unter dem Motto "Heim ins Reich" in den Ostgebieten einsetzte. Diese hatte den Sinn, die über Europa versprengten Deutschen innerhalb der Reichsgrenzen zusammenzuziehen, um die Rassenmischungen aufzuheben. Dieses vorhaben endete schließlich im totalen Chaos, der großen Flucht vor den herannahenden Rotarmisten.


Bevor es Deutsche gab

Die ersten Siedler, die aus Mitteleuropa nach Osten aufbrachen, gab es bereits unter Karl dem Großen. Die Grenze im Osten des riesigen Reiches war fließend und unsicher. Karl beorderte daher Wehrbauern aus seinem Vielvölkerstaat in diese damals dünnbesiedelten Gebiete. So entstanden die Ostmark sowie die Sorbische Mark.
Um die Reichsgrenze gegen Slawenüberfälle zu schützen, wurde viel Blut vergossen. Große Slawische Gebiete zwischen Elbe und Oder zwischen Böhmerwald und Sudeten und vom Plattensee bis zur dalmatinischen Adria wurden abhängig vom Frankenreich.
Das europäische Großreich hatte nicht lange Bestand. Es zerfiel im Streit der Enkel, der späteren Könige und Kaiser Lothar, Ludwig und Karl. Im Jahre 843 schlossen sie den Teilungsvertrag von Verdun, der die geschichtliche Entwicklung Europas nachhaltig beeinflussen sollte. Die nicht immer eindeutige Sprachgrenze zwischen Romanen und Germanen wurde zur Orientierungslinie für künftige politische Grenzziehungen.
Karl der Kahle regierte fortan den Westteil des alten Frankenreiches, Lothar herrschte in dem nach ihm benannten Lotharingien, im mittleren Teil und der dritte der Brüder, Ludwig der Deutsche, übernahm die Macht im Ostfränkischen Reich, dem Kernland der Deutschen, östlich von Rhein und Aare.
Die Landkarte Mitteleuropas hatte damals bereits eine frappierende Ähnlichkeit mit politischen Grenzen, die mehr als tausend Jahre später neu gezogen wurden: Die Ostgrenze des Ostfränkischen Reiches war ziemlich dieselbe wie die der Bundesrepublik Deutschland. Sie führte entlang der Elbe und Saale hinüber zum Böhmerwald. Zu dem Kernland Ludwigs, in dem sich Franken, Friesen, Sachsen, Thüringer, Bayern oder Alemannen später »duitiske« oder Deutsche nannten, gehörten damals allerdings auch das heutige Österreich und die deutschsprachigen Gebiete der Schweiz.
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Taufe oder Tod

Während die Enkel des großen Karl mit immer neuen - auch bewaffneten Auseinandersetzungen, Teilungsplänen und der Sicherung ihrer jeweiligen Herrschaftsbereiche beschäftigt waren, verwüsteten die Wikinger den Westen und Norden Europas. Nomadisierende Ungarn fielen in Bayern ein. Die Slawen probten den Aufstand und schüttelten den deutschen Einfluß vorübergehend ab.
Erst die Sachsenkönige, die den Karolingern folgten, wendeten das Blatt wieder. In den Grenzgebieten wurden feste Burgen angelegt. Von diesen Wehranlagen inmitten der slawischen Umwelt aus ließen sich Aufstände am besten bekämpfen. Als die Truppen des späteren Sachsenkaisers Otto I. die Ungarn 955 auf dem Lechfeld bei Augsburg besiegten und die Magyaren - nicht immer ganz freiwillig - das Christentum annahmen und zu Verbündeten der Deutschen wurden, setzte die zweite Welle der Ostkolonisation ein.
Im Hohen Mittelalter war die staatlich begleitete Ostkolonisation gewalttätig und gewaltlos-aggressiv zugleich. Auch mit unblutigen Finanz- und Rechtswinkelzügen versuchten die Deutschen ihre slawischen Verbündeten um ihren Besitz zu bringen; häfig mit Erfolg.
Magdeburg wurde zum Zentrum des Handels mit den Slawen und zum Mittelpunkt der Missionstätigkeit. Um das Christentum weiter in den Osten zu tragen, wurden neue, von Deutschland unabhängige Kirchen in Ungarn und in Polen gegründet, die dann ihrerseits missionierten.
Besonders während der Zeit der Stauferkaiser, im 12. Jahrhundert, wurde die Elbe-Saale-Linie zur blutigen Glaubensgrenze. Zu den unrühmlichsten Unternehmen in der gesamten deutschen Geschichte gehört der sogenannte Wendenkreuzzug. Im Pakt mit den Bischöfen überfielen deutsche Fürstenheere 1147 das Slawische Volk der Wenden, um - wie es hieß - aus Heiden gute Christen zu machen. Wer sich nicht taufen ließ, wurde umgebracht. Die Mönche, die das Gemetzel im damals slawischen Havelland mit Federkiel und Tinte auf brüchigem Pergament festhielten, ließen keinen Zweifel daran, dass es sich beim Wendenkreuzzug um einen regelrechten Eroberungskrieg handelte. Von Mord, Plünderungen und Brandschatzen ist in den Annalen sehr viel mehr die Rede als von dem Bemühen,der Eindringlinge, die Fremden zu gleichberechtigten Partnern in der Christengemeinschaft zu machen.
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Zum Heil der Seele und des Leibes

Nachdem die Kirche den Feldzug der deutschen Fürsten gegen die Slawen als Kreuzzug zur Verbreitung des Christentums anerkannt und den Krieg ähnlich wie die erfolglosen Kreuzzüge zur Rückgewinnung Jerusalems aus islamischer Gewalt - mit päpstlichen Privilegien begleitet hatte, die vom Nachlaß der Sünden bis zur Segnung der Unterwerfungen reichten, war der Aufruf der Diözesen zum Dienst im »heidnischen Frontland« ein wichtiger Impuls für die Orientierung nach Osten. Scharenweise kehrten Siedler der Heimat den Rücken, um eine unsichere Zukunft in unwirtlichen Gegenden auf sich zu nehmen. Aber sie hatten auch andere, sehr viel erdnähere Gründe.
Am Rhein am Main und an der oberen Donau war die sogenannte innere Kolonisation abgeschlossen. Wälder waren in Ackerflähen verwandelt worden. Die Rodungen reichten bis hinauf in die Berge. Für neue Siedlungen gab es kaum mehr Platz.
Um die Jahrtausendwende machte sich Überdies die Trennung der Berufe und Berufszweige stärker bemerkbar. Bald konnte man sich nicht mehr nur von der Landwirtschaft ernähren. Dafür fanden Handwerker und Händler ein wachsendes Betätigungsfeld. Aus immer mehr Dörfern wurden Städte. Die Mobilität der Bevölkerung stieg. Man klammerte sich nicht mehr so sehr an die heimatliche Scholle.
Ein weiterer Auslöser für die beginnende Wanderung nach Osten war die Unfreiheit der meisten Bauern. Wollten sie die Leibeigenschaft abschütteln, die Knechtschaft, die Bauern zu Landarbeitern ohne eigenen Boden, mit hohen Abgaben an den Adel hatte werden lassen, blieb als Ausweg nur die Umsiedlung. Im starren gesellschaftlichen Gefüge der Heimat durften sie nicht einmal entscheiden, wo und wem sie zu dienen hatten; und daran änderte sich auch bei Kindern und Kindeskindern nichts. Vielmehr nahm die Verarmung von Jahr zu Jahr zu. Nach dem in weiten Teilen Deutschlands gültigen Erbrecht erhielt jeweils der älteste Sohn Hab und Gut, während die jüngeren Geschwister leer ausgingen. Sie mußten sich dann als Knechte und Mägde verdingen.
Im Neuland im Osten hingegen, so propagierten es die Werber, sollten die Landarbeiter freie Bauern werden, oft mit eigenem Grund, vererbbar an die Kinder. Von dem Neuland hatten die Menschen im Westen zwar nur vage Vorstellungen, doch erleichterte das Gefühl, kaum etwas könne schlimmer sein als die Verhältnisse zu Hause, den Entschluß, das Wagnis einzugehen und eine neue Heimat zu suchen. Mit dem Segen der irdischen und der überirdischen Mächte ließen sich auch Luftschlösser bauen - deren Ergebnis dann allerdings oft nur Lehmhütten waren.
In Wirklichkeit galt es, Sumpf und Moorböden urbar zu machen, Ödland umzugraben und Wälder zu roden. Als »Entwicklungshelfer« betätigten sich damals vor allem Zisterziensermönche, deren Mutterkloster in Citeaux in Frankreich stand. Die frommen Brüder lebten in Armut, mußten laut Ordensregel ihre Niederlassungen in unfruchtbaren Landstrichen errichten und widmeten ihr Leben der Bekehrung von »Heiden«. Weit über 500 Tochterklöster zählte man im 12. Jahrhundert, vor allem in entlegenen Gegenden Frankreichs, Englands, Deutschlands und Skandinaviens, häufig in Grenzgebieten. Das Wahrzeichen der Zisterzienser war die schmucklose Kirche ohne Turm.
Der rastlosen Täigkeit dieses Ordens war es zu verdanken, daß zwischen Elbe und Oder der Lebensstandard auch der eingesessenen Bevölkerung merklich stieg. Und das wiederum sicherte den slawischen Fürsten höhere Einnahmen samt einer besseren Lebenshaltung und den Mönchen das Wohlwollen der weltlichen Obrigkeit. Damals spielten nationale Unterschiede zwischen Deutschen und Slawen keine entscheidende Rolle. Auch die Sprache trennte nur vorübergehend. Im Mittelalter - und lange danach - war die Religion die einengende Klammer. Deutsche und Polen, Ungarn und Tschechen kamen zumeist recht gut miteinander aus - vorausgesetzt, sie waren alle Christen.
Lebten im Ostfränkischen Reich etwa drei Millionen Menschen, so drängten sich binnen fünf Jahrhunderten in diesem Raum etwa zwanzig Millionen. Der Westen und Süden Europas galten schon lange als übervölkert, im Vergleich dazu erschien der Osten geradezu menschenleer.
Nach und nach wurden die Gebiete, die die Germanen während der Völkerwanderung den Slawen überlassen hatten, von Deutschen besiedelt: Obersachsen, Mecklenburg, Brandenburg, Pommern und Schlesien, auch die Randgebiete Böhmens und Mährens. Siedlungskerne wurden als Inseln weit nach Osten vorgetrieben: ins Becken nördlich der Karpaten, Donauabwärts ins Ungarische und über die Ostsee ins Preußisch-Polnische.
Viele Städte Polens, Böhmens oder Ungarns wurden von Deutschen angelegt. In den meisten Neugründungen wurde dann deutsches Stadtrecht gesprochen: Lübecker, Magdeburger, Kulmer, Nürnberger, Wiener, Iglauer oder Brünner Recht, eine Rechtsprechung, die den Bürgern mehr Freiheit versprach als in ihrer slawischen Umwelt. Die östlichste Stadt mit deutschem Recht war Kiew.
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Der deutsche Ordensstaat

Die dritte Welle der deutschen Ostkolonisation schwappte im Sog der aufblühenden Hanse nach Osteuropa über. Dreihundert Jahre lang, vom 12. bis zum 15. Jahrhundert, übte die Hanse die wirtschaftliche Vormacht über den Ostseeraum aus. Sie hatte Niederlassungen stromaufwärts am Rhein, an der Weser, Elbe, Oder und Weichsel, oft Hunderte Kilometer im Landesinneren. Die Hanse unterhielt Kontore in Krakau und Riga, am Petershof in Nowgorod, im skandinavischen Bergen und in London. Den Kaufleuten folgten Handwerker und Lehrer, aber auch »Militärexperten«.
Wappen des Deutschen OrdensDie polnischen Fürsten duldeten die Fremden nicht nur, sondern förderten sie nach Kräften, zumal sie selbst am steigenden Wohlstand partizipierten. So ist es also nicht verwunderlich, daß man weitere Deutsche ins Land holte, als es 1226 wieder einmal zu Auseinandersetzungen mit dem Stamm der heidnischen Pruzzen kam. Der Herzog von Masowien wandte sich an den Deutschen Orden und schlug dem Hochmeister vor, die Pruzzen zu christianisieren und dafür alles dabei eroberte Land zu behalten. Der Gedanke lag nahe.
Es waren Lübecker und Bremer Kaufleute gewesen, die während des Dritten Kreuzzugs in Palästina, genau gesagt 1198, ein Hospital gestiftet und damit die Gründung der »Ritter Christi und Dienstmannen St. Mariens vom Deutschen Hause« ausgelöst hatten. Nach dem Vorbild der vorwiegend romanischen Templer und Johanniter sollte sich aber auch diese Vereinigung bald nur noch dem Glaubenskampf widmen. Der Deutschritter-, Deutschherren- oder Kreuzritterorden hatte seinen Sitz zunächst in Akko, später in Venedig. Reichen Besitz erwarb er im Nahen Osten und Südeuropa. Als Betätigungsfeld für den erklärten Auftrag eignete sich Palästina freilich nicht mehr; die Kreuzzüge stagnierten oder scheiterten, die Stützpunkte der Europäer verkamen.
Kaiser Friedrich II. setzte den Orden 1211 im heute rumänischen Karpatenbogen gegen die heidnischen Kumanen ein. Die Ritter gründeten Kronstadt, bauten in der Nähe einige Dörfer und Burgen, wurden dem heimischen Adel aber bald zu einflußreich. Der ungarische König wies die Ritter daher kurzerhand aus. Und so dürfte die neue Aufgabe im Kulmer Land dem Orden durchaus willkommen gewesen sein. Mit tatkräftiger Waffenhilfe König Przemysl Ottokars II. von Böhmen schufen sich die Ritter eine neue Basis im Land der Polen. Zum Dank dafür benannten sie ihre Stadtgründung am Pregel im Beisein Ottokars zu seinen Ehren Königsberg.
Die Ordensritter im weißen Mantel mit dem schwarzen Kreuz kämpften aber nicht nur gegen die heidnischen Pruzzen und die Litauer, sie bekriegten auch Dänen und Polen. Ihr Ordensstaat umfaßte schließlich große Teile Pommerns, des späteren Ostpreußens sowie Livlands, Estlands und Litauens. Er wurde zur gefährlichen Konkurrenz des aufstrebenden Polen und Skandinaviens.
Die deutsche Ostkolonisation wurde dann aber stark gebremst. Nicht, weil ein politischer Wille dahinterstand, sondern weil der Schwarze Tod, die Pest, im 14. Jahrhundert Europa heimsuchte. Die großen Menschenverluste im Westen brachten den Aussiedlerstrom nach Osten im Jahre 1348 zunächst völlig zum Erliegen.
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Glaubenskriege und Gewissensnot

Die Ruhe an der Siedlerfront hielt jedoch nicht lange an. Die Reformation, die große religiöse Bewegung im 16. Jahrhundert, die die Entstehung neuer, vom Papsttum unabhängiger Kirchengemeinschaften zur Folge hatte, führte 1517 bekanntlich zur Kirchenspaltung. Um 1550 waren England, ein großer Teil der Niederlande, Skandinavien, weite Gebiete Deutschlands westlich des Rheins und der heutigen Schweiz dem Einfluß des Katholizismus entzogen. Die Gegenreformation, die etwa um 1570 einsetzte, drängte den Protestantismus in Deutschland wieder zurück. Osnabrück, Westfalen, Teile des Elsaß, Frankens, Schwabens, Bayerns, Salzburgs, Kärntens und der Steiermark wurden wieder katholisch.
Die politisch-religiösen Gegensätze hatten Umwälzungen - auch Flüchtlingsbewegungen großen Stils - zur Folge. Die Stoßrichtung auch dieser Siedlerwelle war der Osten. Wer sich in seiner Gewissensnot dem in einer Region vorherrschendem Glauben widersetzte, der mußte im Europa der beginnenden Neuzeit um seine Existenz bangen.
Aus dem katholischen Frankreich kamen kalvinistische Hugenotten in die Niederlande, nach England und besonders nach Preußen. Um 1700 war jeder dritte Berliner ein Franzose. Ins protestantische Preußen zog es auch zahlreiche Salzburger. Viele der 20 000, die in langen Kolonnen den Rhein hinab durch Westfalen wanderten, wurden später Kolonisten in Ostpreußen. Und auch Tausende von Schweizern, Pfälzern, Wallonen, Böhmen und Elsässern, die man wegen ihrer Überzeugung und ihres Glaubens verfolgt hatte, wählten Preußen als Zufluchtsland.
Den Flüchtlingstrecks war der große Religionskrieg, der Dreißigjährige Krieg von 1618 bis 1648, vorausgegangen. Bevor er mit dem Westfälischen Frieden endete, kämpfte vor allem der protestantische Norden Deutschlands im Bunde mit Schweden gegen die katholischen Habsburger, die damals das heutige Österreich, Böhmen, Mähren, Schlesien und das jetzige Belgien verwalteten. Als die Waffen schwiegen, war Mitteleuropa bettelarm, total verwüstet, im Inneren zerrissen und ohnmächtig gegenüber Einflüssen von außen. Die Bevölkerung war um ein Drittel geschrumpft, die Sitten waren verroht.
Auf dem Papier waren zwar die rivalisierenden Christenbekenntnisse fortan gleichberechtigt. Wie aber die Flüchtlingswellen nach Preußen belegen, sah die Wirklichkeit anders aus. Die sogenannten Ketzer, denen die Reformansprüche der Protestanten nicht weit genug gingen, waren bei den andauernden politisch-religiös motivierten Auseinandersetzungen Opfer sowohl der Katholiken als auch der Protestanten. Daß die Wagemutigen, die in ihrer Heimat nichts mehr zu verlieren hatten, flüchteten, ist nur zu verständlich.
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Für Kaiserin oder Zarin?

Die nächste Welle deutscher Einwanderer in Osteuropa haben vor allem zwei Frauen ausgelöst: Maria Theresia, die im 18. Jahrhundert die Macht der Österreicher auf dem Balkan festigen wollte, und die russische Zarin aus Anhalt-Zerbst, Katharina II., die auf deutsche Siedler setzte, um das Russische Reich an seinem asiatischen Rand zu schützen.
In den deutschen Kleinstaaten hörten die Menschen zwar von den revolutionären Umwälzungen in Amerika und in Frankreich, von Freiheit, Gleichheit und Solidarität. Sie selbst konnten aber nicht Nutznießer sein. Da mußten Angebote aus Rußland verlockend erscheinen: Deutsche Siedler sollten nicht nur eigenen Grund und Boden erhalten, sondern auch vom Wehrdienst befreit werden. Und obendrein sollten sie sich selbst verwalten dürfen durch Selbstbestimmung ein Staat der Deutschen in Rußland.
Nach dem Ende der napoleonischen Neuordnung Europas und besonders nach der gescheiterten Revolution von 1848 schwoll der Strom der Siedler weiter an.
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Sprachinseln

Um 1900 wurde Deutsch von etwa 60 Millionen im Reich und von etwa zehn Millionen in österreich-Ungarn und in der Schweiz gesprochen. Und dazu von ein paar hunderttausend, die auf allen Kontinenten verstreut lebten.
Deutsche Sprachinseln gab es in Estland, Litauen, Lettland, im dreimal geteilten und Rußland zugeschlagenen Polen, in der Ukraine, in Bessara bien, auf der Krim, am Bug, Dnjepr und Wolga. Außerdem in der österreichisch verwalteten Tschechei, in Mähren und der Slowakei und in Ungarn an der Donau bei Budapest und weiter südlich bei Fünfkirchen, in der Vojvodina, die heute zu Jugoslawien gehört, im Banat und in Siebenbürgen, die nach dem Ersten Weltkrieg Rumänien zugeschlagen wurden.
Als die Kirche viel von ihrer Macht eingebüßt hatte, als Katholiken und Protestanten über ihre Gegensätze hinweg im aufkommenden Industriezeitalter schließlich gemeinsame Linien suchten, rückten auch die deutschsprachigen Kaiserreiche wieder näher zusammen. Nach dem Berliner Kongreß, der 1878 neue Grenzen auf dem Balkan gezogen hatte, schlossen Deutschland und österreich-Ungarn den Zweibund. Als 1914 in Sarajewo die Schüsse auf den österreichischen Thronfolger fielen und sich der regionale Zwist zu einem Flächenbrand ausweitete, übten sich die Führungen in Wien und Berlin in Solidarität. Die »Kameraden Schnürschuh« und die Soldaten mit den Pickelhauben marschierten auf - hinein in einen weltumspannenden Krieg. Als dann der Erste Weltkrieg für Deutschland und österreich verlorenging, war dies auch das Ende der beiden Monarchien.
Große deutsche Territorien fielen an Frankreich, Belgien und Dänemark, vor allem an das wiedergeschaffene Polen. Alle deutschen Kolonien gingen verloren.
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»... heute gehört uns Deutschland und morgen die ganze Welt ... «

Die deutschsprachigen Minderheiten in Osteuropa - ehemalige Deutsche aus den abgetrennten Gebieten, frühere österreicher in den neugeschaffeneu Staaten oder Auswanderer in deutschen Sprachinseln, oft Hunderte Kilometer vom Kernland entfernt - wurden dann von den Nationalsozialisten für deren politische Ziele mißbraucht. Vielerorts haben sie sich auch bewußt oder unbewußt - in die nationalsozialistische Propaganda einspannen lassen. Die angebliche Mißhandlung von Deutschen in Polen, im abgetrennten, ehemals deutschen Oberschlesien, diente den Nationalsozialisten in Berlin als Grundlage für Propagandafeldzüge, die die »Befreiung der Deutschen im Osten« zum Ziel hatten. Ganz im Sinne eines Marschliedes, dem die überschrift dieses Kapitels entstammt.
Bevor Hitlers Deutschland den Zweiten Weltkrieg entfesselte, erfolgte 1938 der Anschluß österreichs und der tschechoslowakischen sudetendeutschen Gebiete an Deutschland und 1939 die Umwandlung Böhmens und Mährens in ein deutsches Protektorat.
Die Ostpolitik der »Lebensraumstrategen« in Berlin war doppelbödig. Sie propagierte den Schutz der deutschen Minderheiten im Osten, diente aber dem Ziel, den deutschen Siedlungsraum in Richtung Asien auszuweiten.
Noch vor Kriegsbeginn - während des kurzen Intermezzos nationalsozialistisch-sowjetischer Eintracht bei der Aufteilung Osteuropas - hatten Hitlers Bürokraten damit begonnen, die sogenannten Außenposten des Deutschtums umzusiedeln. Die Nachfahren der Siedler sollten in den Grenzgebieten des sogenannten Großdeutschen Reiches seßhaft werden mit dem politischen Zweck, das »deutsche Element« in den hauptsächlich von Slawen bewohnten Landstrichen zu stärken. Viele Deutsche, die in Rußland, in der Ukraine oder in Rumänien geboren worden waren, wurden ins Wartheland umgesiedelt. Während des gesamten Zweiten Weltkriegs haben dann Sudetendeutsche, Jugoslawiendeutsche, Siebenbürger Sachsen und Banater Schwaben Seite an Seite mit den sogenannten Reichsdeutschen in der Wehrmacht gekämpft.
Als sich mit der Schlacht von Stalingrad 1943 das Blatt zuungunsten der blitzsieggewohnten Nationalsozialisten wendete, kamen auf die deutschen Minderheiten und später auch auf die Bevölkerung in Ostdeutschland schwerste Belastungen zu. Die Sieger gingen mit den Besiegten kaum anders um, als ihnen dies die Nationalsozialisten mit ihrer Blut-und-Bodenpolitik und ihrer menschenverachtenden Ausrottungspraxis gegenüber den eigenen jüdischen Mitbürgern und der indischen Minderheit in Osteuropa vorexerziert hatten. Mitleidlose Vergeltungsaktionen sowjetischer, polnischer, jugoslawischer und tschechischer Partisanen richteten sich nun gegen die Deutschen. Je näher die Front an Berlin heranrückte, desto häufiger gab es Mißhandlungen, Vernichtungen und auch Massenausweisungen.
Eine neue Völkerwanderung setzte ein, die denen des Altertums und des Mittelalters nicht nachstand. Millionen Deutsche flohen nach Westen. Hunderttausende sahen ihre einzige überlebenschance darin, ihre deutsche Sprachinsel aufzugeben und nach Westen zu flüchten. Viele Tausende blieben auf der Strecke.
In die verlassenen Dörfer und Städte strömten Slawen nach. Aber nicht alle Deutschen flohen: entweder weil sie hofften, daß sich das Schicksal doch noch einmal zu ihren Gunsten wendete, oder weil die neuen Herren die Deutschen als Arbeitskräfte brauchten und sie deshalb nicht gehen ließen.
In das Rumpfdeutschland, dessen Grenzen die Alliierten in den Konferenzen Jalta und Potsdam 1945 absteckten, kamen etwa zwölf Millionen Deutsche - vor allem aus den abgetrennten Gebieten Ostpreußen, Pommern und Schlesien. Aber auch aus den zuvor von den Deutschen besetzten Gebieten Polens und der Tschechoslowakei, der Sowjetunion und Jugoslawiens, aus Ungarn und Rumänien.
Nach einer gewissen Konsolidierung des deutschen Weststaates flüchteten dann noch einmal etwa drei Millionen Menschen, oft unter Einsatz ihres Lebens, von der Sowjetzone Deutschlands, der späteren DDR, in die Bundesrepublik. Auch österreich war ein Ziel von Flüchtlingen aus dem Osten.
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