Die Geschichte Pommerns

Germanen und Slawen hatte ein breiter Raum voneinander getrennt, bevor sie sich ein paar Jahrhunderte vor Christi Geburt immer näher kamen. Es ist diese stumme Spur der Vorgeschichte, ohne die Pommerns Geschichte in Zukunft nicht mehr auskommen sollte. Agrippa, der Feldherr des Augustus, macht als erster "Geograph" die Weichsel (Vistula) als Ostgrenze germanischer Barbaren aus. Laut Plinius wohnen slawische Völker ausschließlich jenseits des Flusses, wahrscheinlich die Veneder, von denen der Sammelbegriff der Wenden für Westslawen stammt.

In der Römerzeit sitzen zwischen Oder- und Weichselmündung aus Norwegen eingewanderte Rugier, im westpommerschen Raum Lemovier. Goten aus Mittelschweden stoßen in das Gebiet der Weichselmündung, dann nach Ostpommern vor, wodurch die Rugier - der Stammesname findet sich in Rügen wieder - nach Westen abgedrängt werden. Ebenfalls aus dem skandinavischen Raum kommen Burgunder, die über das Mündungsgebiet von Oder und Weichsel nach Mitteleuropa eindringen.

Während des Wannerfewers (pommersch für Völkerwanderung) ziehen die Germanen aus dem Küstenland abund lassen dabei überflüssigen Ballast zurück:
ein paar Küchenutensilien, ein paar Waffen, Kämme, Gürtel und Knöpfe. In die nun freien Siedlungsräume rückten Slawen vor.

Als die große Völkerwanderung - erst im 20. Jahrhundert folgt eine noch größere - vorbei ist, haben sich westlich der Oder mehrere Kleinstämme der Lutizen (Wilzen) eingerichtet, leben Uckrer in der Uckermark, Circipaner an der Peene und Kaschuben westlich des Weichseldeltas. Der unter den Nachgewanderten lockere Stammesverband der westslawischen Pomoranen in Ost- oder Hinterpommern verdient besonderes Interesse. Die am Meer (vom wendischen po morje) Wohnenden sind es, die dem noch unberühmten Landstrich den Ruf-, seinen Menschen den Familiennamen geben. Ein tüchtiges Volk, von dem der frühe Chronist Thomas Kantzow berichtet, daß es selten seint von frembden Hern bezwungen, was in jenen Tagen durchaus etwas bedeutete, und daß selten frembde Lewte zu ynen khomen, darvon sie besser sitten geleret. Für die geschichtliche Entwicklung gleichermaßen wichtig sind die ostslawischen Polani oder Polen (Feldbewohner, Inländer), die an der mittleren Weichsel und im Warthe-Netze-Raum ein eigenes Staatsgefüge bilden.

Im 10. jh. dringen Wikinger unter dem Dänen Harald Blauzahn in Pommern ein. Von Wollin aus stoßen die Schiffe mit den Drachenköpfen in See, tyrannisieren die Räuber aus dem Norden die Ostseeküste.

Zu den Anfängen des polnischen Staates gehört ein geradezu inniges Verhältnis zwischen Polen und Deutschen. Westlich orientierte slawische Herrscher heiraten deutsche Prinzessinen, deutsche Geistliche missionieren das Land, deutsche Edelleute verrichten in Polen Kriegsdienst. Politisch bleibt das westliche Polen ein Lehen des römisch-deutschen Kaiserreichs, bis dieses mit dem letzten Hohenstaufer zusammenbricht.

Der Bamberger Bischof Otto (der Heilige), der am polnischen Herzogshof als Kaplan gedient hat, wird als Missionar nach Pommern entsandt. Am Johannistag des Jahres 1124 zieht der "Bischof der Pommern" in der Burg Cammin ein, um rund 3000 Personen dem Christentum zuzuführen. Nachdem er in Wollin auf Widerstand stößt, weicht er nach Stettin aus. Von dort dringt er nach Kolberg und Belgard im mittleren Hinterpommern vor.
Nachdem Otto das Land wieder verlassen hat, kommt es dort zur Restauration heidnischer Bräuche, zum Aufstand gegen den "deutschen Gott" (zumindest im Westen hat sich das Wort "deutsch" gerade eingebürgert). Des Bambergers zweite Missionsreise erfolgt im Auftrag des Magdeburger Erzbischofs und des deutschen Königs Lothar von Supplinburg. Otto tauft rund 22 000 Heiden und läßt in Stettin eine erste Holzkirche zurück. Der Stein, auf dem er während der Missionierung gestanden haben soll, würde unter kommenden Generationen ungezählte Bewunderer finden. Im 12. Jahrhundert wird zuerst Wollin (julin), aus Gründen der Sicherheit dann Cammin Bischofssitz. Benediktiner haben sich in Stolp, Prämonstratenser in Gramzow und Grobe auf Usedom niedergelassen. In Stettin unterhalten die deutschen Kaufleute bereits eine eigene Kirche. 1199 gründen dänische Mönche dort, wo der Ryck ins Dänische Wiek mündet, das nachmals so berühmte Kloster Eldena, die Mutter von Grippeswalde oder Greifswald. Ab 1210 bauen Zisterzienser an der Klosterkirche von Kolbatz. Sie wählen dafür den Basilika-Stil, der dem Armutsideal des Ordens entsprechend anstelle eines Turms die hohe Hauptfassade hat.

Mit dem Einzug des Christentums beginnt die Besiedlung durch deutsche Ostwanderer. Der durch die polnische Bedrohung verunsicherte wendische Adel sucht einen Rückhalt im Reich. Als Friedrich I., die große Kaisergestalt des deutschen Hochmittelalters, Herzog Bogislaw I. mit Pommern belehnt, ist ein Wende "deutscher" Reichsfürst, sein Land staatsrechtlich Teil des römisch-deutsche Reichs.
Nachdem die christlichen Pommer ihr Verhältnis zu den christliche Deutschen geklärt haben, entsteht mit Dänemark, das die Odermündung besetzt, ein neuer Gegner. Erst die Schlacht bei Bornhöved, in der ausgerechnet Waldemar II. der Sieg reiche geschlagen wird, gewinnt da deutsche Neuland an der Ostsee zurück.
Neben Polen und Dänen haben schon zu diesem Zeitpunkt auch die Brandenburger ihr Interesse auf Pommerns Küste angemeldet. Vom Kaiser erhalten sie 1231 die Lehnshoheit über das Land. Als diese rund 25 Jahre später erlischt, bleibt den Brandenburgern - und man sollte es sich merken - die "Eventualerbnachfolge". Eventuell für den Fall eine Aussterbens des pommersch/wendischen Greifengeschlechts.

Die Besiedlung Pommerns mit deutschen Bauern und Bürgern, die im 13. Jahrhundert einsetzte, veränderte das schwach bevölkerte Land von Grund auf. Es war ein im wesentlichen von den Herzögen und ihrem ritterlichen Lehnsadel geleitetes Unternehmen. Einzelne Klöster und Stifte taten sich ebenfalls hervor. In die neugegründeten oder zu deutschem Recht umgesetzten slawischen Orte wurden vielfach die ansässigen Slawen sofort einbezogen und nicht selten der slawische Ortsname übernommen (z.B. Stargard, Wolgast); oftmals blieben die Slawensiedlungen neben den deutschen bestehen. Vertreibung der slawischen Bevölkerung kam nirgends vor. Die zahlenmäßige Überlegenheit der Deutschen führte zur sprachlichen Assimilierung der Slawen. Die Eindeutschung Vorpommerns war noch vor dem Ende des 13. Jahrhunderts abgeschlossen und in den westlich von Köslin gelegenen Teilen Hinterpommerns weit fortgeschritten. Mit der bäuerlichen deutschen Siedlung einher ging bis 1350 die Gründung von etwa 50 deutschrechtlichen Städten, teils mit Magdeburger, teils mit lübischem Recht. Die deutsche Siedlung hatte nicht allein eine Vervielfachung der Bevölkerung und die Urbarmachung weiter Landstriche zur Folge, sie bedeutete auch die Einführung neuer Wirtschaftsweisen in Landwirtschaft (Dreifelderwirtschaft, Beetpflug mit drei Teilen) und Handwerk, neuer gesellschaftlicher und rechtlicher Verhältnisse (Stadtbürgertum, persönliche Freiheit der Bauern) und vollendete die Christianisierung des Landes.

Nach dem Fortfall der dänischen Oberhoheit erhob die erstarkende Markgrafschaft Brandenburg, von Kaiser Friedrich II. ermächtigt, Ansprüche auf die Lehnshoheit über Pommern. Diese Ansprüche wurden von Pommern nur widerwillig anerkannt, was manche Kämpfe zur Folge hatte. Erschwert wurde die Stellung Pommerns dadurch, daß es fast stets in zwei Linien des Herrscherhauses aufgeteilt war. Gebietsverluste im 13. Jahrhundert an Brandenburg (z. B. Uckermark und spätere Neumark) wurden durch Erwerbungen im 14. Jahrhundert wieder ausgeglichen (Schlawe, Stolp, Rügen). Erst 1529 akzeptierte Brandenburg im Vertrag von Grimnitz die Reichsunmittelbarkeit Pommerns; es wurde mit der Anwartschaft auf Pommern im Falle des Aussterbens des Herzogshauses abgefunden.

Als der Zug nach Osten verebbt, ist Pommern dünn besiedelt geblieben. Jedem echten Zuwachs stehen Schlachtenlärm und Pestilenz entgegen. Alleine zwischen 1348-51 fällt ein Drittel der Bevölkerung dem Schwarzen Tod zum Opfer. Dazu kommen Streitigkeiten mit dem Nachbarn, die den Schlachtruf "Horsa Brandenburg" (die Märker in Pasewalk) gegen "Horsa Stettin" (die Pommern in Gartz/Oder) stellt. Für Nachgeborene von Bedeutung bleiben allerdings nur Pasewalks Turm "Kiek in de Mark", mit dem die Pommern - "Kiek in de Mark un trure nich, Markgraf Friedrich, de deet di nicks" - Friedrich (Eisenzahn) verhöhnten, und jenes "Horsa", aus dem sich das gesamtdeutsche "Hurra" entwickelt hat.

Der angesammelte Gegensatz zwischen Deutschen und Polen entlädt sich im Juli 1410 in einer der blutigsten, dann auch folgenschwersten Feldschlachten des Mittelalters. Beim ostpreußischen Grünfelde und Taunenberg (im späteren Kreis Osterode) besiegen Litauer und Polen mit dem Marienlied "Boga Rodzicza" auf den Lippen das unter der Fahne des heiligen Georg kämpfende rein deutsche Ordensheer. Während die Polen in Zukunft vom "Sieg der Slawen über das Deutschtum" sprechen, gibt der Geistliche Jan Dlugosz (1415-1480) dafür allein der höheren Macht die Ehre. "Ihres Sieges gewiß und nicht Gott um diesen bittend, mehr mit dem künftigen Triumph als mit der Schlacht beschäftigt", waren die Deutschherrn von vornherein ohne jede echte Chance gewesen. "So hat Gott ihren Hochmut gerecht bestraft" (jan Dlugosz).

Für die Unterstützung der slawischen Seite erhält der Hinterpommer Bogislaw III. von Polenkönig Jagiello Schlochau, Bütow, Baldenburg, Hammerstein und Schievelbein.

Im dreizehnjährigen Bündner- oder Städtekrieg wird der Orden wiederum mit Hilfe von Pommern dann ein weiteres Mal besiegt, womit die eigentliche Macht der Deutschherrn für immer gebrochen ist. Polen gewinnt Pommerellen, Kulmerland, Ermland, Marienburg und die Lehnsoberheit über (Ost-)Preußen.

Die Reformation setzte sich in Pommern weitgehend aufgrund des Wirkens des aus Wollin stammenden Johannes Bugenhagen durch (er war Luthers "Doctor Pomeranus"): Die von ihm verfaßte Kirchenordnung nahm ein Landtag 1534 in Treptow an der Rega an.

Durch die Einziehung der umfangreichen Ländereien der nun aufgehobenen Feldklöster erweiterten die Herzöge die Grundlage ihrer landesherrlichen Stellung. Noch kurz vor dem Dreißigjährigen Krieg kam es zu einer gewissen Kulturblüte, als u. a. Augsburger Künstler am Hofe wirkten.

Nach dem Aussterben des Greifenhauses 1637 hätte das Land vertragsgemäß an Brandenburg fallen müssen. Doch standen bereits seit 1631 die Schweden im Land und dachten gar nicht daran, es aus der Hand zu geben. Die schrecklichen Kriegsereignisse löschten die Bevölkerung zu fast zwei Dritteln aus. Am Ende des Krieges war "Pommerland abgebrannt". Durch den Osnabrücker Friedensvertrag fiel nur Hinterpommern an Brandenburg, während ganz Vorpommern und ein Streifen rechts der Oder an die Krone Schwedens kam.
"Schwedisch Pommern" war mit Schweden in Personalunion verbunden: Der König von Schweden war auch Herzog von Pommern und als solcher deutscher Reichsfürst; Vorpommern blieb Reichsterritorium.

Die brandenburgischen Herrscher waren bestrebt, die ihnen 1648 vorenthaltenen Teile Pommerns doch noch zu gewinnen. Dies gelang ihnen schrittweise. So erhielt Brandenburg im Frieden von Stockholm, der zu den Friedensverträgen am Ende des Nordischen Krieges (1700-1721) gehörte, durch Kauf das südliche Vorpommern bis zur Peene. Die Regierung, welche Brandenburg für Hinterpommern eingerichtet hatte, siedelte deshalb 1723 von Stargard nach Stettin über, die Schweden verlegten die Regierung für den ihnen verbliebenen Anteil von Stettin nach Stralsund. Im übrigen versuchte Schweden nicht, den Pommern schwedische Sprache und Kultur aufzuzwingen. Die Verwaltung lag fast ausschließlich in den Händen von Einheimischen. Doch kamen Schweden als Soldaten oder als Studenten der Universität Greifswald ins Land. Umgekehrt stand den Pommern auch der Weg nach Schweden offen, den z.B. der aus Stralsund stammende Chemiker Karl Wilhelm Scheele, der Entdecker des Sauerstoffs, ging.

Während die brandenburgisch-preußischen Herrscher Pommern eine oft als hart empfundene Fürsorge zuwandten, kümmerte sich Schweden, selbst arm und unterentwickelt, kaum um das Land, zumal Pommern nach den Zusammenbruch der Großmachtstellung Schwedens diesem auch machtpolitisch kaum mehr nützlich sein konnte. Am verhängnisvollsten war die schwedische Herrschaft in sozialer Hinsicht. Die Lage des Bauernstandes hatte sich in Pommern bereits seit der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts verschlechtert. Der Bauer war mehr und mehr in die Leibeigenschaft der adligen Grundherren herabgedrückt worden. Infolge des "Bauernlegens", d.h. des Einziehens von Bauernstellen durch den Grundherrn, entstanden große adlige Güter. Dieser ungünstigen Entwicklung wurde besonders in Schwedisch-Pommern freier Lauf gelassen, wohingegen im brandenburgischen, dann königlich preußischen Pommern Anstrengungen gemacht wurden, den Bauernstand zu erhalten. Entwässerung von Sümpfen, Ablassung kleinerer Seen, Senkung größerer Seen ermöglichten die Ansiedlung von bäuerlichen Kolonisten, die aus anderen Teilen Deutschlands kamen.

Während des Siebenjährigen Krieges (1756-63) war Vorpommern Ort von Kampfhandlungen zwischen Schweden und Preußen; Hinterpommern wurde durch russische Truppen schwer in Mitleidenschaft gezogen. In der Napoleonischen Zeit erlebte Schwedisch-Pommern eine mehrjährige französische Besetzung. Die Verteidigung der Festung Kolberg durch Gneisenau im Jahre 1807 hob sich vor dem Hintergrund des fast widerstandslosen Zusammenbruchs Preußens bewußtseinsprägend ab.

Im Jahr 1815 (Wiener Kongreß) fiel der nördlich der Peene liegende Teil Pommerns mit Stralsund, Greifswald und der Insel Rügen, bisher schwedisch, an Preußen.
Pommern war nach 170 Jahren wieder vereint, jetzt als preußische Provinz, die sich in die drei Regierungsbezirke Stralsund, Stettin und Köslin gliederte. Die brandenburgischen Kreise Dramburg und Schivelbein wurden Pommern zugeschlagen. Die Provinz zählte 1816 682000 Einwohner. Die Selbstverwaltung verkörperte sich vor allem im Provinziallandtag.

Der Anteil der in der Landwirtschaft Beschäftigten war in Pommern höher als in den meisten anderen Gebieten Deutschlands (1895: 54%). Infolge der Stein-Hardenbergschen Reformen errangen die Bauern zwar ihre Freiheit, doch verminderte sich die Zahl der Bauernhöfe und vergrößerte sich der Großgrundbesitz. Insgesamt gesehen vervielfachte sich im 19. Jahrhundert aber die landwirtschaftlich genutzte Fläche: Pommern wurde zum wichtigsten landwirtschaftlichen Überschußgebiet Deutschlands.

Mit seiner langen Küste war Pommern auch das wichtigste deutsche Fischereiland. Die Industrie diente großteils der Weiterverarbeitung landwirtschaftlicher Erzeugnisse. Bedeutend war in Stettin die Metallindustrie (Werften, Fahrzeugwerke). Die pommersche Hauptstadt entwickelte sich zum wichtigsten deutschen Ostseehafen und zu einem Schwerpunkt des europäischen Handels. Ab 1843 war Stettin durch die Eisenbahn mit Berlin verbunden. Es war die einzige Großstadt des Landes (1900: 210702 Einwohner).