Die Geschichte Schlesiens

Silingerberg - mons silensus - nannte man später den Zobten mit seiner alten Kultstätte, der an die Landnahme der Oderlandschaft durch die Silinger erinnert, von denen der Name "Schlesien" abgeleitet wird. Im 2. Jahrhundert v. Chr. war dieser Vandalenstamm, von Norden kommend, eingewandert. Sechs Jahrhunderte später zog der größte Teil nach Spanien/Nordafrika. Langsam schoben sich slawische Sippen von Süden und Osten in dieses Gebiet - ein friedlicher Übergang, ein Verschmelzen ohne jegliche staatliche Organisation. Erst mit der neuen Feudalherrschaft gab es vier Gaue. Ende des 9. Jahrhunderts dehnten die böhmischen Premysliden, Burgherren von Prag, ihr Herrschaftsgebiet über die Sudeten aus. Auch Christianisierung und Anschluß an den Fernhandel dürften von Süden ausgegangen sein.

Gegenspieler der Böhmen sollten bald die polnischen Piasten werden. Von ihrem Kernland aus, dem mittleren Weichsel-Warthe-Raum, hatte dieses Geschlecht die polnischen Stämme zusammengefaßt.

Unter Herzog Mieszko I. (gest. 992) und Boleslaw dem Tapferen (gest. 1025) wurden die Böhmen bis zu den Sudeten zurückgedrängt. Dem Erzbistum Gnesen, von Kaiser Otto III. gegründet, wurde das wenig früher eingerichtete Bistum Breslau unterstellt, bis es sich 1614 ausgliederte und erst 1821 unmittelbar der römischen Kurie unterstellt wurde.

Im Jahre 1138 wurde das Piastenreich geteilt; es bildete sich eine eigene, sich selbständig entwickelnde schlesische Linie. Kriegszüge deutscher Kaiser erzwangen die Lehnsabhängigkeit Polens. Die deutsche Geschichtswissenschaft betont diese Herrschaftsform der deutschen Kaiser, während polnische Historiker sie als zweitrangig einstufen und Schlesien als Besitz Polens ansehen.

Der innere Anschluß der schlesischen Piasten an den deutschen Westen wurde durch Heiraten mit deutschen Fürstentöchtern gestärkt, so durch Heinrichs I. (1202-38) Ehe mit Hedwig von Andechs, die, 1267 heilig gesprochen, als Landespatronin bis heute verehrt wird. Stärker als zuvor wurde die Ansiedlung deutscher Bauern, Handwerker, Kaufleute und Bergknappen, die in der Mehrzahl aus dem thüringisch-obersächsischen Raum kamen, von den Landesherren gefördert. Die Grundherren warben sie aus wirtschaftlichen Gründen an, und die Weiterentwicklung der schlesischen Kulturlandschaft geschah ohne Rechtsbrüche. Waldhufen- und Straßendörfer (Reihensiedlungen beiderseits eines Talwegs) waren die typische bäuerliche Siedlungsform. Statt der früheren Feldgraswirtschaft brachte nun die Dreifelderwirtschaft höhere Erträge. Für die Städte wurde der große Marktplatz und die schachbrettartige Bebauung, z.T. mit Steinbauten, charakteristisch. In den ca.120 Städten bis Mitte des 14. Jahrhunderts galt deutsches Recht nach dem Vorbild von Magdeburg und Halle, das auch die polnische Bevölkerung übernahm. Mit dem Abbau von Gold und Silber wurde statt des Tauschhandels nun ein Münzwesen möglich. Zahlreiche Orden förderten in neuen Klöstern neben religiösen und pädagogischen Aufgaben die wirtschaftliche Entwicklung.

Dieser Aufschwung wurde 1241 durch die Mongolen gefährdet. Sie siegten zwar bei Liegnitz über das Heer, das sich aus deutschen und polnischen Rittern und Bauern zusammensetzte, und Piastenherzog Heinrich II. fiel in diesem Kampf, doch rückte das mongolische Heer anschließend ab. Das Ereignis wird heute gern als ein Ausgangspunkt gemeinsamer deutscher und polnischer Geschichtsschreibung gesehen.

Die Kriegsverwüstungen wurden durch verstärkte Siedlungspolitik bald überwunden. Die dynastische Aufgliederung der Piasten zersplitterte freilich Schlesien, und 1320 gab es zehn niederschlesische und sieben oberschlesische Territorien, deren Fürsten als Lehnsleute Anschluß in Böhmen suchten.

Der böhmische König Karl, seit 1347 als Karl IV deutscher Kaiser, schenkte Schlesien sein Hauptinteresse. Der Handel auf der "Hohen Straße" von Leipzig über Görlitz, Breslau, Lemberg bis zum Schwarzen Meer wuchs weiter an; in vielen Städten wurden repräsentative Bauten errichtet. Unter Karls Nachfolgern nahmen Fehdeunwesen und Raubrittertum wieder überhand. Die Hussitenkriege brachten schließlich Tod und Verwüstung.

Im Jahre 1458 gelang es dem Ungarn-König Corvinus, die böhmische Krone zu erringen und damit auch das zerrissene Schlesien zu erwerben. Mit großer Tatkraft gestaltete er ein neuzeitlich verwaltetes Territorium: regelmäßige Fürstentage in Nieder- und Oberschlesien, Generallandtage für Gesamtschlesien, einheitliches Münzwesen und verstärkten Handel mit Ungarn. Da seine Nachfolger ohne männlichen Erben blieben, schloß er mit Kaiser Maximilian I. einen Ehevertrag für dessen Enkel Ferdinand. So kam Schlesien 1526 für mehr als 200 Jahre an die Habsburger.

Seit 1520 breitete sich die Reformation auch in Schlesien aus, womit sich der Einfluß deutscher Kultur sowie die Verbindung zu den mitteldeutschen Gebieten verstärkte. Die katholischen Habsburger schonten hier lange den Protestantismus, weil sie durch die Türkenkriege gebunden waren. Unter Kaiser Rudolf (1576-1612) änderte sich das Zusammenwirken, als dieser die Konfession seiner Untertanen bestimmen wollte.

So sahen sich die schlesischen Stände gezwungen, den Böhmen 1620 bei der Wahl des pfälzischen Kurfürsten Friedrich V. zu ihrem König zuzustimmen. Nach dessen Flucht begann auch in Schlesien die Gegenreformation. Während des Dreißigjährigen Krieges wurde das Oderland durch die Heere Wallensteins und Gustav Adolfs schwer heimgesucht. Im Friedensschluß 1648 blieben die Herzogtümer Liegnitz, Brieg, Oels und Münsterberg noch evangelisch; ca. 200 000 Protestanten verließen das Land und zogen z.T. auch nach Polen.

In der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts erlebte Schlesien einen Wiederaufbau. Der Merkantilismus verbesserte seine Wirtschaftsstruktur. Am Ende des Jahrhunderts wurde das geistige Profil besonders von den Jesuiten geprägt, die die Breslauer Universität "Leopoldina" 1702 gründeten und eine rege Bautätigkeit anregten.

Im Jahre 1740 rückte König Friedrich II. von Preußen mit einem Heer in das militärisch kaum geschützte Schlesien. Im Frieden von Breslau (1742) mußte Maria Theresia Schlesien abtreten, gab aber den Anspruch auf das Land nie auf. Friedrich konnte in einem zweiten Krieg (1744-1745) seine Beute verteidigen und begann 1756, als er sich von einem neuen Bündnissystem eingekreist sah, den Dritten Schlesischen Krieg, den Siebenjährigen, in dem das Oderland wiederum schwer verwüstet wurde. Er endete mit dem Frieden von Hubertusburg und dem endgültigen Verbleib Schlesiens bei Preußen. Habsburg behielt nur das Gebiet um Troppau und Teschen. Friedrich II. verfügte nun eine politische Neuordnung. Mit der Einrichtung der Kriegs- und Domänenkammern war Schlesien schon 1741 "auf märkischen Fuß" gebracht worden. Die "Provinz Schlesien" teilte man in Kreise unter Leitung von Landräten ein, die auf Vorschlag adliger Grundherren aus deren Mitte bestimmt wurden; ein Provinzialminister war dem König unmittelbar verantwortlich. Obwohl Friedrich sich gegenüber den Konfessionen tolerant verhielt, waren Katholiken oft benachteiligt, weil viele als Sympathisanten der Habsburger galten. Andererseits schützte der König das Schulsystem der Jesuiten, als 1773 der Papst den Orden auflöste. Im militärischen Bereich wurde das preußische Rekrutierungssystem übernommen. Preußen unternahm auch große Anstrengungen, das Land weiter zu "peuplieren" und die Wirtschaft zu fördern. In Oberschlesien entwickelte sich das damals modernste kontinentaleuropäische Montanrevier.