Napoleon und andere Folgen der Französischen Revolution

Die Jahre 1789 bis 1848

Die russische Regierung verfolgte eine expansorische Politik. An Russland fielen 1795 Teile Polens, 1809 Finnland und 1812 Bessarabien. Im Winter 1812 wurde die napoleonische Armee in Russland geschlagen. Die vier Großmächte der antinapoleonischen Koalition - Großbritannien, Russland, Preußen, österreich - sahen sich nach ihrem Sieg in der Meinung bestärkt: Die internationale, von Frankreich ausgehende Große Bürgerliche Revolution erfordert eine internationale, gegenrevolutionäre Antwort. So bildeten sie einen gemeinsamen Bund, die Heilige Allianz.

Auf das entfernte Russland hatten die Ideen der Französischen Revolution keine direkten Einwirkungen. Die russische Monarchie hielt jeglichen Liberalisierungsversuchen stand. Politische, soziale und kulturelle Befreiungsbewegungen mussten sich in Opposition zum herrschenden System entwickeln. Diese schweren Bedingungen spaltete die Intelligenz in zwei Lager: Die Westler entdeckten nach den napoleonischen Kriegen den neuen französischen Sozialismus. Sie setzten sich mit der Philosophie Schellings und Hegels auseinander.

Die Slawophilen distanzierten sich von den Westlern. Sie flohen in ihre nationale Vergangenheit.

Ein Bollwerk gegen den Fortschritt

Die Jahre 1848 bis 1904

Während später in West- und Mitteleuropa in dem Revolutionsjahr 1848 unmissverständlich die Forderungen nach mehr Freiheit und Demokratie gestellt wurde, blieb in Russland alles beim alten: Der Zar konnte als unumschränkter Alleinherrscher seinen Willen durchsetzen. Erst nach der schweren Niederlage im Krimkrieg (1853-56) begann unter Zar Alexander II. (1855-81) eine Periode der inneren Reformen. Diese wurden jedoch nur sehr zögerlich durchgeführt. Verwaltung und Bildungswesen wurden modernisiert, nicht aber demokratisiert. Russland war im 19. Jahrhundert noch ein reines Agrarland. Die Leibeigenschaft wurde 1861 aufgehoben, für eine umfassende Modernisierung der Landwirtschaft fehlte das notwendige Kapital. Trotz des allmählichen industriellen Aufschwungs konnten die sozialen Probleme nicht beseitigt werden. Forderungen nach Demokratie beantwortete der Zar mit Verhaftung und Verbannung nach Sibirien. Seit den späten sechziger Jahren kam es zu einer Welle von Terroranschlägen gegen Politiker, denen Zar Alexander II. 1881 selbst zum Opfer fiel. Sein Nachfolger Alexander III. verschärfte die Unterdrückungsmaßnahmen gegen die Opposition: Parteien blieben verboten, nichtorthodoxe Christen wurden verfolgt, Zeitungen zensiert. Unter Nikolaus II. wurde das Eisenbahnnetz weiter ausgebaut. Damit wollte er die wirtschaftliche Entwicklung Russlands und den Anschluss an westliche Staaten beschleunigen. Die Textil- und Schwerindustrie blühte auf, die Landwirtschaft verwelkte. Versorgungsnöte schürten die allgemeine Unzufriedenheit. Die Hungrigen liefen den verbotenen Parteien zu.

Versuche zur Demokratisierung

im Jahr 1905

Die Niederlage im russisch-japanischen Krieg von 1904/05 verminderte das Ansehen der zaristischen Regierung noch mehr. Eine Protestdemonstration von 200 000 Arbeitern endete unter den Schüssen von Soldaten. Dieser Petersburger Blutsonntag war der Anlass für eine landesweite Woge von Aufständen, Attentaten und Generalstreiks. Nun musste sich der Zar beugen: Am 17./30. Oktober verbriefte er im Oktobermanifest bürgerliche Freiheiten, eine Verfassung und ein Parlament (Duma). Die Duma blieb jedoch der Willkür des Monarchen unterworfen. So zögerte er Entscheidungen hinaus. Die Arbeiterparteien wurden unterdrückt und ihre Führer verbannt. Die Lage blieb gespannt.

Russische Revolution

im Jahr 1917

Der Erste Weltkrieg zeigte die Unfähigkeit des Zarentums, die grassierende Korruption und Wirtschaftskrise zu bewältigen. Allein das nationale Zusammengehörigkeitsgefühl hielt die schlecht ausgerüstete Armee siegessicher. Schliesslich brachen im März 1917 in Petrograd (später umbenannt in Leningrad und heute St. Petersburg) Unruhen aus, welche im Ausruf einer bürgerlichen demokratischen Republik gipfelten. Nikolas II sah sich gezwungen, am 15. März 1917 abzutreten. Zusammen mit seiner Familie wurde er am 16. Juli 1918 im Exil in Ekatarinenburg hingerichtet. Die provisorische Regierung unter dem Prinzen Lvov und dem gemässigten Alexander Kerenski verlor jedoch schnell Boden an den radikalen Flügel der sozialistischen Arbeiterpartei (Bolscheviken). Am 7. November 1917 ergriffen die Bolscheviken die Macht, angeführt von Lenin (Lenin war ein Pseudonym, eigentlich Vladimir Ilich Ulyanov) und Leo Trotski, stürzten die Regierung Kerenskis und übertrugen alle Macht an einen Rat von Kommissären (Sowjet) mit Lenin als Premier. Da der 7. November nach altem Russischen Kalender tatsächlich auf den 25. Oktober fiel, erhielt der Umsturz fortan den Namen Oktoberrevolution. Der demütigende Vertrag von Brest-Litovsk (3. März 1918) beendete den Krieg mit Deutschland. Daraufhin entbrannte ein brutaler Bürgerkrieg, dem die Intelligenzia zum Opfer fiel. In einem kurzen Krieg mit Polen 1920 verlor Russland das heutige Ostpolen.